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Ehe und Sexualität Anfang 1900

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Ehe und Sexualität Anfang 1900

Beitragvon elfeee » Sa 16. Jul 2011, 21:58

Es ist ein heikles Thema, das aber auch durchaus zum Fall Hinterkaifek durchleuchtet werden sollte.
Darum haben wir uns auch entschossen, diesen Thema zur Diskussion frei zu geben.
Bitte behandelt es mit dem nötigen Respekt zur Sache. Danke.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon Hauser » So 17. Jul 2011, 09:36

Georg Queri hat einmal gesagt:

"Das Bauernjahr hat zwei große Abschnitte: Harte Arbeit und Zeit der Rast.In der Zeit der Rast fällt der Genuss.Es muss sich dem bäuerlichen Leben anpassen und primitiv sein: der Trunk, der Tanz, das Lied, der Geschlechtsverkehr".Bild

Queri's Bauern sind dumm, dreckig und lüstern,letzteres in der Zeit der Rast.Ihm zur Seite steht der Geistliche,Pfarrer der es sich gut gehen lässt, aber überall dreinreden will. :brettvormkopf:

Auf m Heubodn obn
liegt a Madl drobn,
wanns a schöni waar,Bild
waar ich eh schon drobn,
weil s a schiachi is,Bild
is mir allwei gwiß,
weil s am Heubodn -

Georg Queri besuchte das "Schymnasium" in Neuburg an der Donau.Bild
http://www.georg-queri.de/

Ohne Lokal Kolorit:Bild

http://de.muvs.org/?r=1
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon AngRa » Mo 25. Jul 2011, 12:28

Zum besseren Verständnis der damaligen Sexualmoral empfehle ich die Lektüre des Buches „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind, das 1891 erschienen ist.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/2611/1

Aufgrund der damals herrschenden Prüderie wurden Jugendliche nicht aufgeklärt, wodurch letztendlich der Tod der weiblichen Hauptfigur verursacht wird. Selbst als sie immer runder wird, gehen alle von einer Bleichsuchterkrankung /Wassersuchterkrankung aus, bis ein Arzt sie untersucht. Als die Mutter es mitbekommt veranstaltet sie eine Riesenszene. Später veranlasst die Mutter eine Abtreibung, die das Mädchen nicht überlebt.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon Hauser » Mo 25. Jul 2011, 18:32

Hauser
 

Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon AngRa » Mo 25. Jul 2011, 19:40

@Hauser

Ich verstehe schon, dass in Bayern um 1900 uneheliche Kinder an der Tagesordnung waren. Nicht nur in Bayern, sondern auch in Preußen. Das war nichts Außergewöhnliches.

Daher kann man sich immer wieder aufs Neue darüber wundern, dass Viktoria Gabriel, die sich lt. Schl. sexuell offensiv angeboten haben soll, keine Schar von unehelichen Kindern hatte.

Ich gehe mal davon aus, dass sie enthaltsamer gelebt hat, als es manch einem ins Konzept passt. Das ist die einfachste Erklärung.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon elfeee » Mo 25. Jul 2011, 20:42

Es gab auch damals schon Verhütungsmittel.

Ich zitiere wieder mal aus der "Geheimmappe für vertrauliche Winke":

Es gibt im allgemeinen zwei Möglichkeiten zur Verhütung der Empfängnis.
Die erste Möglichkeit ist die, daß die Samenflüssigkeit gehindert wird, an den Muttermund zu kommen. Die zweite Möglichkeit ist die, daß der Same, wenn er schon an den Muttermund kommt, in seiner Befruchtungsfähigkeit vorher zerstört wird.

Die zweite Möglichkeit wird bevorzugt, die ohne die sogenannten Komdoms geschlechtlichen Umgang pflegen wollen.
Man kennt die vielen Mittel, die hier empfohlen werden, da sind Duschen nach dem Akte, die Mutterspritzen und überhaupt alle Samen tötenden Flüssigkeiten und Mischungen in Pasten und Pulvern weit und breit, wenn auch vor den Augen verborgen, bekannt.

Betrachten wir diese Mittel etwas näher, so werden die Duschen durch Irrigatoren
nach dem Beischlaf so gebraucht, wie das Wasser gerade verfügbar ist, d.h. meißtens kalt. Das ist auf die Dauer aber sehr gefährlch, denn alle nicht den natürlichen Wärmeverhältnissen angeppassten Spülungen verursachen sehr leicht Erkältungen, die für die Gebärmutter sehr gefährlich werden können.
Der Zweck eine Schwangerschaft zu verhüten, wird aber hierdurch sehr unzuverlässig erreicht.

Sobald der Samen sich auf dem Wege zur Befruchtung befindet, könnte nur noch die Mutterspritze helfen. Diese zu benutzen, ist aber dem Laien nach § 218 des Strafgesetzbuches strang untersagt.
Dieser lautet:
"eine Schwangere, welche ihre Frucht vorsätzlich abtreibt oder im Mutterleibe tötet, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft.
Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Gefängnisstrafew nicht unter 6 Monaten ein.
Die selben Strafvorschriften finden auf denjenigen Anwendung, welch mit Einwilligung der Schwangernen die Mittel zu der Abtreibung oder Tätung bei ihr anwendet oder ihr beigebracht hat"


Dann gabs auch noch die Mittel, die die sogenannten Pulverbläser erfanden.
Diese Mittel waren, nach dem Beischlaf angewendet, nicht sicherer als die Duschen aber noch viel gefährlicher.
Diese sollten in der weiblichen Scheide eine mehr oder minder klebrige Schicht bilden, damit sich die Samenfäden nicht zur Gebärmutter hinbewegen sollten /konnten.
Diese Pasten und Pulver wurden filzig und haben Entzündungen in der Scheide und Gebärmutter hervorgerufen.

Dann gab es noch die Sicherheitsschwämme, die waren die harmloseren Mittel.
Sie wurden mit einer säurehaltigen Flüssigkeit getränkt und in die Scheide eingeführt.
Nachher muß ebenfalls mit warmen Wasser gespült werden. Das war eine einigermassen sichere Methode, aber auch umständlich.

Und in neuerer Zeit (dieses Buch wurde 1910 geschrieben) blühte die Industrie förmlich für sogenannte Schutzmittel auf, die Obturatoren genannt wurden.
Diese werden direkt in den Hals der Gebärmutter einführt, die fingerlange Röhre aus Metall hat eine im Stehten sich öffnende, im Liegen siech schließende Klappe. Dieser Apparat muß aber vom Arzt eingeführt und ständig überprüft werden.

Dann gab es noch etwas, das Mensinga-Pessarium, dieses bestand aus einer von Gummimembran gefertigten Halbholkugel, deren Rand ein ferderförmiger stählerner Ring umschloss. Dies konnt auch nur der Arzt einführen.
.................................................................................................................
Das Kapitel ist noch ein paar Seiten lang mit Verhütungsmethoden, ich will Euch aber nicht langweilen.
Aber man sieht schon, die erfolgreicheren Verhütungsmethoden muß der Arzt einsetzten und überprüfen, das kostete aber wieder Geld.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon Brandner » Mo 25. Jul 2011, 21:33

Wenn man das so liest muss man direkt froh sein das die pille entwickelt wurde.
Es gab ja noch die Engelmacherinnen die sich auf abtreibungen eingerichtet haben, auch eine gefährliche Angelegenheit.Wobei es bei den ledigen Kindern nicht nur um die Moral ging, sondern auch um die Versorgung dieser Kinder ging.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon elfeee » Mo 25. Jul 2011, 21:42

ja, Brandner

in dieser Zeit hätt ich auch nicht leben wollen, aber man kann es sich nicht aussuchen.
Die Reichen gingen halt zum Arzt, der sich um die Empfängnisverhütung kümmerte und kassierte, die armen Schlucker mussten sehen, wie sie damit fertig wurden.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon AngRa » Mo 25. Jul 2011, 21:58

@Elfeee

Das ist sehr interessant. Ich wusste gar nicht, dass es so frühe Vorläufer von so chemischen Verhütungsmitteln wie etwa Patentex Oval gab, also von Mitteln mir spermizider Wirkung!

Richtig sicher war das aber alles nicht und die Nebenwirkungen stelle ich mir auch krass vor!
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon elfeee » Mo 25. Jul 2011, 22:18

@AngRa,

wie gesagt, da gabs noch mehr, der Verhütungs-Teil hat noch mehr Seiten, aber alles war gefährlich, was nicht vom Arzt eingesetzt und kontrolliert wurde.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon Hauser » Mo 25. Jul 2011, 22:20

Es wäre durchaus im Bereich des möglichen Viktoria Gabriel wegen Gewerbsmäßiger Unzucht zu diffamieren. Bild
Ehe und Familie.jpg
Ehe und Familie.jpg (2.89 MiB) 5205-mal betrachtet
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon elfeee » Mo 25. Jul 2011, 22:24

@AngRa

daher denke ich, daß die Viktoria schon eine war, die sich vom Arzt beraten hat lassen, sie hatte ja Geld.
In diesem Fall konnte sie nicht geizig sein, schon wegen der Blutschande.
Das heißt nicht, daß das regelmäßig vorgekommen ist, aber wie heißt es so schön:
Sicher ist sicher.
Als sie mit dem L.S. zusammen war, könnte es sein, - nur könnte - daß sie es drauf ankommen lies.
Ist nur so ein Gedanke, natürlich spekulativ.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon weingasi » Di 26. Jul 2011, 09:38

Ich kann dem Beitrag von Elfeee nur zustimmen.
Diese Äusserungen von L.S., dass sich Victoria ihm förmlich aufgedrängt habe, sind ansonsten von keiner Seite geäussert oder bestätigt worden. Teilweise klingt sogar Respekt bei den Äusserungen über Victoria durch z. B. bei Schwaiger und den Handwerkern. Manche scheinen sie sogar ein wenig arrogant gefunden zu haben. Ich bezweifle, wie AngRa, dass der Missbrauch mit schöner Regelmässigkeit stattfand.
Ich denke, dass Victoria ursprünglich wirklich vorhatte, den LS zu heiraten und dass der Josef
von ihm ist. Nachdem Victoria zunächst eingewilligt hatte ihn zu heiraten, mag er sich im Umgang mit ihr auch sehr verändert haben. Er wurde dann ( da seiner Sache sicher ) vielleicht noch herrschsüchtiger und bevormundender als der Vater und die Vic wollte bestimmt nicht vom Regen in die Traufe kommen.
Möglicherweise hat sie sogar den Vater gebeten, die Ehe zu hintertreiben.

Natürlich alles nur Vermutungen aber man könnte schon darüber nachdenken.
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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon Hauser » Di 26. Jul 2011, 19:01

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Re: Ehe und Sexulaität Anfang 1900

Beitragvon Apropos » Mi 27. Jul 2011, 07:46

https://www.familienhandbuch.de/elterns ... ien-mythen

http://opus.bsz-bw.de/hsbwgt/volltexte/ ... nd_Ehe.pdf

http://www.awo-schwanger.de/Der_218.html

Das einfachste Abtreibungsmittel dürfte jeder von uns im Hause haben:
http://www.kraeuter-almanach.de/kraeute ... rsilie.htm
Dieses Thema sollte man hier aber nicht unbedingt im Detail ausbreiten, da damit heute viel Unfug getrieben wird.

Früher gab es für alle Fälle in der näheren Umgebung Kräuterhexen oder Engelmacherinnen.
Über die wurde aber meist nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen, da man sie meist mit "Unpässlichkeiten" wie z.B. Geschlechtskrankheiten, etc. aufsuchte.
Zum Arzt konnte man nicht mit allem gehen, da einem der gleich mal den Pfarrer, etc. auf den Hals hetzte.
Ausserdem hielten sich die meisten Ärzte auf dem Land nach Genuss von Alkohol nicht mehr an die Schweigepflicht.

Wir müssen beim Thema Ehe und Sexualität weg von der uns eingetrichterten Prüderie in dieser Zeit.
Die Leute waren damals vielleicht nach aussen hin prüde, weil von der Kanzel und vor der Tafel gepredigt wurde, dass das alles "Sauzeug" ist.
Wenn aber der Pfarrer/Lehrer nicht in Sichtweite war, liess man seinen Trieben freien Lauf.
Wer sollte ausserdem die Predigten angesichts nächtens umherschleichender Pfarrer und Lehrer ernst nehmen.

Was strafbar war, interessierte auch nicht wirklich jemanden, denn es galt vornehmlich der Grundsatz - wo kein Kläger, da kein Richter.

Gerade die Bayern brauchen sich nicht über die "arrangierten Ehen" anderer Kulturkreise aufregen.
Selbst heute sind sie in gewissen Kreisen noch durchaus üblich damit das Sach beieinander bleibt oder sich noch mehrt.
Dass es in diesen Ehen nicht klappt, war/ist oft vorhersehbar, aber Scheidung war/ist trotzdem keine Option.
Viele gingen/gehen ihrer Wege in eigentlich ehelichen Angelegenheiten.
Allerdings zogen/ziehen die Frauen bei solchen Eskapaden meist den Kürzeren in der Öffentlichkeit.
Was die Frau zum Flittchen oder zur frigiden Zicke degradiert, wird beim Mann mit "der Natur" entschuldigt, gegen die er natürlich machtlos ist.
In manchen Gegenden war es auch durchaus üblich, dass sich die Töchter von Kleinbauern ein Kind von einem Arbeiter machen liessen, um dann den Unterhalt als sichere fortlaufende Mitgift in die Ehe mit einbringen zu können.
Die Kinder mussten unter dieser Praxis oft sehr leiden und wurden mit Ende der Zahlungen ganz schnell vor die Tür gesetzt.

Ausserdem gab es früher für heimliche Geburten sogenannte Geburtshäuser oder "die kranke Tante".
Da liess sich in gewissen Gesellschaftsschichten viel vertuschen.
Die "Tanten" waren meist Häusler, die von Viehhändlern oder Handelsreisenden vermittelt wurden.
Sie behielten die Kinder gegen eine Einmalzahlung oder einen monatlichen Obulus.
Da sich die leiblichen Mütter meist um ihre "Ausrutscher" nicht mehr kümmerten, ist über das Schicksal dieser Kinder wenig bekannt.

In gehobenen Kreisen war es durchaus üblich, dass man sich von Häuslern einfach ein Kind holte, wenn man den Kinderwunsch nicht selbst befriedigen konnte.
Auch als Spielkameraden für Einzelkinder wurden fremde Kinder einfach ins Haus geholt.
Das alles lief ohne Adoption und andere Rechtsgeschichten ab.
Den meisten Kindern ging es dabei auch nicht gut und sie hatten später keinerlei Ansprüche an ihre "Gastfamilien".
Vornerum wurde das Ganze sogar noch als gute Tat behandelt, weil die Häusler ja mit ihrem Haufen Kinder entlastet wurden.
Wieso sich keine Rechtsstelle, Jugendamt, etc. mit sowas befasste, haben wir noch nicht rausgekriegt, obwohl der Mann erst 60 Jahre alt ist und seit 40 Jahren wegen der Rechtslage forscht.

Wie auf anderen Gebieten in Sachen HK bleibt es unerlässlich, dass man sich erstmal die Realität beguckt und nicht das, was uns Bücher, Zeitzeugen und andere Überlieferungen eintrichtern wollen.
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